"Gemeinwohl-Ökonomie" wurde beim 17. Hammer Neujahrsempfang diskutiert

Christian Felber plädiert für eine Wirtschaftsordnung, in der nicht Profit, sondern das Gemeinwohl im Vordergrund steht, zudem für Kooperationen statt Konkurrenzdruck.

 


Christian Felber referierte eindrucksvoll über die „Gemeinwohl-Ökonomie“.Beim 17. Neujahrsempfang in Hamm sprach der Gesellschaftsforscher aus Österreich, die  prominenteste Stimme der Globalisierungskritik in der Alpenrepublik, Mitbegründer von Attac Österreich (Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger und Bürgerinnen) und international erfolgreicher Autor zum Thema „Weltwirtschaft und Gemeinwohl – was würde Raiffeisen heute gründen?“ Ein interessantes und spannendes, vor allem aber aktuelles Thema, das im Raiffeisengeburtsort seine Wirkung nicht verfehlte. Die alpenländische Kost war sicherlich nicht ganz einfach: Ungläubigkeit, Skepsis, Zustimmung bis hin zu Kopfschütteln waren erste Reaktionen. Die Ausführungen gaben grundlegende Denkanstöße und regten, und dies war auch ein Ziel des Referenten, zu Diskussionen an.


Dem Neujahrsempfang, zu dem traditionell die evangelische Kirchengemeinde Hamm, die katholische Kirchengemeinde Hamm und die Verbandsgemeinde Hamm eingeladen hatten, ging ein ökumenischer Gottesdienst in der St. Joseph-Kirche voraus. Anschließend traf man sich im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, um nach dem Referat von Christian Felber – Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Graz, Publizist und Bauchautor – den in den vergangenen Jahren mit und unter den Vereinen, Kommunalpolitiker, Verbänden, Institutionen, Vertretern aus Handel und Gewerbe begonnenen zukunftsweisenden Dialog fortzuführen.


Nach der Begrüßung durch Pfarrer Professor Dr. Dr. Michael Klein von der evangelischen Kirchengemeinde zeigte sich Bürgermeister Rainer Buttstedt stolz, mit dem 41-jährigen Christian Felber, der romanische Sprachen, Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Wien und Madrid studierte, einen kompetenten Referenten zur Gemeinwohl-Ökonomie willkommen heißen zu können. Er führte aus, Christian Felber sei als Gesprächspartner und Referent sehr begehrt, so auch bei Presse, Rundfunk und Fernsehen. „Von den oft über einhundert Anfragen im Monat kann er nur jede 10. Anfrage bedienen. Und nun ist er in Hamm.“ Der Referent sei bekannt für seine verständliche Sprache, „mit dieser macht er Wirtschaft für alle verstehbar.“ 2010 wurde er auf Initiative der Zeitschrift LEBENSART zum „Nachhaltigen Gestalter 2010“ aus dem Bereich Zivilgesellschaft gewählt sowie vom Public Relations Verband Austria zum Kommunikator des Jahres 2010 nominiert. Buttstedts besonderer Dank galt der Elektro Conze GmbH für die Unterstützung.


Raiffeisens Thesen nach wie vor aktuell

 

Die beiden Pfarrer Bruno Nebel (links) und Michael Klein (2.v.l.) sowie Bürgermeister Rainer Buttstedt (rechts) hatten zum Hammer Neujahrsempfang eingeladen und mit Christian Felber einen kompetenten Wirtschafts-Referenten nach Hamm gebeten. Für ihn sei es eine besondere Freude an den Wurzeln des Genossenschaftswesens, im Geburtsort von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu Gast zu sein, bekundete der 1972 in Salzburg geborenen Universitätslektor und freie Publizist Christian Felber zu Beginn seines über einstündigen Vortrages. Schließlich hätten die Raiffeisen-Thesen mit der „Gemeinwohl-Ökonomie“, in der eine soziale, nachhaltige und demokratische Wirtschaftsordnung, in der nicht Bruttoinlandsprodukt oder Geldzuwachs, sondern die Förderung des Gemeinwohls den Gewinn darstelle, gefordert wird, vieles gemeinsam.

 

Gemeinwohl-Ökonomie bezeichnet ein alternatives Wirtschaftssystem, das auf gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut ist. Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene – eine Brücke von Altem zu Neuem.

 

Die heutigen Banken trifteten teilweise weit von den einstigen Idealen ab, auch wenn Ideen und Wurzeln stark verwurzelt seien. In Umfragen, so Felber, sprachen sich 80 Prozent der Deutschen und sogar 90 Prozent der Österreicher gegen die aktuellen Wirtschaftsordnungen in diesen Ländern aus. Hinzu käme, dass Gewählte überwiegend anders entscheiden würden, als der Wähler von diesen möchte oder von diesen erwarte. „Der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West ist gefallen, aber nicht der Eiserne Vorhang zwischen Politik und Wirtschaft. Wenn wir uns menschlich, ethisch und umsichtig verhalten, werden wir im wirtschaftlichen Sektor bestraft.“

Nach dem ökumenischen Gottesdienst hieß Pfarrer Professor Dr. Dr. Michael Klein die zahlreichen Anwesenden im Dietrich-Bonhoeffer-Haus willkommen.Den Kernpunkt dieser Krise beschrieb Felber als seelische Hungersnot. „Viele Menschen erblicken keinen Sinn mehr in ihrem Schaffen. Man möchte mehr mitbestimmen und mit ergründen, wie messbar und human die Wirtschaft ist.“ Diesbezüglich nannte er als Beispiel den Einkauf beim Metzger: „Kann es ein bisschen mehr sein?“


Die gegenwärtigen ökologischen, sozialen und ökonomischen Krisen forderten, so der Referent weiter, mutige und entschlossene Visionen und Menschen, die sich an der Entwicklung einer nachhaltigen Zukunft beteiligen. Die Bewegung für eine Gemeinwohl-Ökonomie verstehe sich in diesem Sinne als Impulsgeber und Initiator für weitreichende Veränderungen.


Unter diesen Aspekten gründeten vor drei Jahren zwölf mittelständische Unternehmer und Unternehmerinnen in Österreich, die sich mit der gegenwärtigen Marktwirtschaft nicht mehr einverstanden fühlen und gerne menschlicher, ethischer und verantwortungsvoller arbeiten möchten,  eine Gemeinschaft. Deren Zielsetzung lautet, dass die Werte der Wirtschaft nicht länger konträr zu den Werten der Gesellschaft stehen. „Mittlerweile ist diese Gemeinwohl-Ökonomie in dreißig Ländern vertreten“, berichtete Felber weiter.

 

Werte schaffen unter Deckung der Bedürfnisse der Bevölkerung

 

Sinn und Ziel der Wirtschaft müsse es sein, nicht nur die Vermehrung von Geld und Kapital im Vordergrund zu sehen. Geld sei nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck, wie es einst bereits Friedrich Wilhelm Raiffeisen bekundete. Die wirtschaftliche Tätigkeit habe dem Gemeinwohl zu dienen. Dies sei auch in der bayerischen Verfassung (Artikel 151: Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl....)  sowie in anderen Länderverfassungen verankert; nur halte sich keiner daran. Heute werde die Marktwirtschaft immer kapitalistischer. Im Kapital sei jedoch immer wenigen Wirtschaften enthalten. Die Mehrheit der Bevölkerung wünsche sich eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, in der auch das menschliche Verhalten belohnt werde.

 

Eine Umstellung der Systemweichen im Bezug auf eine neue Wirtschaftsordnung sei daher erforderlich. Konkurrenz sollte deshalb in Kooperation und Gewinnstreben in Gemeinwohlstreben umgedeutet werden. Der wirtschaftliche Erfolg müsse messbar sein; deshalb auch die Umformung von Bruttosozialprodukt in Gemeinwohlprodukt und Finanzgewinn des Unternehmens in Gemeinwohl-Bilanz. Felber forderte weiter die Rückgewinnung der demokratischen Kontrolle über die Finanzmärkte und die Umsetzung eines alternativen Finanzsystems. Eine Demokratische Bank werde dabei als ein Herzstück im demokratischen und gemeinwohlorientierten Bankensystem angesehen. Damit würde der Bankensektor streng reguliert und ein öffentliches Gut.


1.500 Unternehmer, Kommunen und Privatpersonen wirtschafteten bereits unter den neuen Prämissen und erstellten teils Gemeinwohl-Bilanzen. Ein weiterer Ansatz Felbers ist: Gemeinwohlorientiertes Wirtschaften sollte durch den Staat mit niedriger Mehrwertsteuer, geringeren Zöllen, günstigen Krediten von einer demokratischen Bank, Vorrang beim öffentlichen Einkauf und Vorrang bei der Forschungskooperation belohnt werden. ZLea Lohmeyer und Wolfgang Mader begleiteten musikalisch durch den Neujahrsempfang. Fotos: Rolf-Dieter Rötzelwischenzeitlich sei die Gemeinwohl-Ökonomie auch in Argentinien „gelandet“.

 

Der Gast aus Österreich, zwischendurch sich mit einem Handstand auflockernd, bezog die Anwesenden in sein Referat mit ein und fragte diese nach Erfahrungswerten in zwischenmenschlichen Beziehungen und welche Werte durch Konkurrenz gesteigert werden könnten.

 

In seinen weiteren Ausführungen stellte Felber fest, dass die Wirtschaft als globalisierter Kapitalismus immer mehr Werte vernachlässige. In diesem Zusammenhang offerierte er eine Idee der Gemeinwohl-Ökonomie, den Produkten ein entsprechendes ethisches Profil mit der Aufbringung von Farben und eines abrufbaren QR-Codes aufbringen zu lassen. Jeder hätte somit die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen.


In hervorragender Weise begleitete das Musik-Duo Lea Lohmeyer (Klavier) und Wolfgang Mader (Querflöte) den 17. Hammer Neujahrsempfang; auch sie erhielten verdienten Beifall.


(Rolf-Dieter Rötzel)

 
 
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