Neujahrsempfang 2019 mit Sozialwissenschaftler Sell

Dieser Referent durfte gern überziehen. Prof. Sell überzeugte mit lebendigem Vortrag zu gesellschaftlichen "Baustellen".

 

Die Neujahrsempfänge der katholischen und evangelischen Kirche und der Verbandsgemeinde Hamm (Sieg) glänzen schon seit vielen Jahren mit interessanten Referenten. Selten aber hat einer davon so schamlos überzogen und im Anschluss so viel Beifall geerntet wie am vergangenen Freitag. „Dem hätte ich noch ne Stunde zuhören können“, meinte eine Besucherin.

 

Dabei hatte der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Sell ganz und gar nichts Positives zu vermelden. Im Gegenteil: Zu vieldiskutierten Themen wie Ärztemangel, Zukunft der Pflege und der Rente trug er zahlreiche Aspekte beizutragen, die die meisten Zuhörer noch gar nicht bedacht hatten und die sie nicht gerade froher stimmten. Der Professor am RheinAhrCampus in Remagen gestaltete seinen Vortrag aber so offen, lebensnah und mit so viel (Galgen-)Humor, dass er genau den Nerv des Publikums traf.

 

„Sie haben das hier nicht entschieden oder zu entscheiden, aber es wird Ihnen hier auf die Füße fallen.“ Unter diesem Leitgedanken sprach Prof. Sell über die sozialen Probleme in Deutschland, die sich mit dem Eintritt der sogenannten Babyboomer, der geburtenstarken Jahrgänge von 1958 bis 1964, noch deutlich verschärfen werden.

 

„Schon in den vergangenen 15 Jahren sind altersbedingt 300.000 Personen mehr altersbedingt aus dem Arbeitsleben ausgeschieden, als Junge nachkommen“, informierte Sell. Längst schon sind ganze Industriezweige ohne Mitarbeiter aus dem Ausland nicht mehr überlebensfähig, so beispielweise die Fleischverarbeitung. Es sind aber auch 30.000 osteuropäische Ärzte in Deutschlands Krankenhäusern tätig.

 

„Der ungarische oder bulgarische Staat zahlt die teure Ausbildung, und wir greifen die fertigen Mediziner ab“, so der Referent, dessen besondere Empörung die Tatsache hervorrief, dass die Problematik schon lange bekannt ist und keine Konsequenzen gezogen wurden. „In Deutschland gibt es seit Jahr und Tag 10.000 Medizin-Studienplätze und Schluss. Mit Betriebswirtschaftlern dagegen kannst du das ganze Land pflastern!“

 

Die ebenfalls immer weniger werdenden Handwerker werden tatsächlich den sprichwörtlichen goldenen Boden vorfinden. „Aber wer soll Altenpfleger und Erzieherinnen so hoch bezahlen?“ Der Mangel an Pflegekräften solle inzwischen mit Menschen von den Philippinen oder gar aus Nepal behoben werden, denn Pflegekräfte aus Osteuropa – inklusive der berühmten Polin im Haushalt – seien ein Auslaufmodell: „Diese Länder haben ähnliche Probleme mit der alternden Bevölkerung und brauchen ihre Leute selbst.“

 

Die Altenpflegerin aus Nepal mit einem sechsmonatigen Crashkurs in Deutsch hält Sell aber für einen Witz, dem es an Menschlichkeit gebricht. „Es darf hier doch nicht nur um Zahlen gehen!“

 

Dr. Stefan Sell lobte ausdrücklich den ausführlichen Sozialbericht der Verbandsgemeinde Hamm, aus dem man schon ersehen, welche großen Baustellen sich ergeben werden. Nicht die kleinste davon werde die Altersarmut sein. Schon heute hätten 2,6 Millionen Rentner weniger als 999 Euro monatlich zur Verfügung, und die Lage werde schlimmer.

 

„Es kommen jetzt Rentner mit gebrochenen Erwerbsbiografien. Die in den 80er und 90er Jahren oft arbeitslos waren oder im größten Niedriglohnsektor Europas – in Deutschland – gearbeitet haben.“ Und der Referent rechnete vor: „Wer Mindestlohn hat, müsste 90 Jahre arbeiten, um eine Rente von 1200 Euro zu bekommen.“

 

Was die Lage laut Prof. Sell verschärfen wird: Wer Geld hat, zum Beispiel durch eine Beamtenpension oder Immobilienbesitz, wird auch weiterhin einen Arzt, eine Altenpflegerin, einen Handwerker finden. „Hier droht eine ganz enorme Spaltung der Gesellschaft.“

 

Auf Nachfrage ging der Sozialwissenschaftler auch auf das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Hier zeigte er sich gespalten: Dahinter stecke eine Sehnsucht nach einem einfachen und transparenten Modell – zu dem es aber nicht kommen werde. Es würde dann in wichtigen, teureren Bereichen gespart. Sein Fazit: „Das Grundeinkommen ist zu kurz gedacht.“

 

Sell regte speziell für Hamm an, auf Seniorengenossenschaften hinzuwirken. Die Babyboomer könnten so gemeinsam und selbstbestimmt alt werden. Für viele der anderen angesprochenen Problemfelder aber, so räumte er ein, habe er aber „zur Lösung keinen Passepartout“.

 

Anhaltender heftiger Applaus dankte dem Professor für seinen „leidenschaftlichen Vortrag“, wie Bürgermeister Dietmar Henrich in seinem Schlusswort formulierte. Mut habe der Referent nicht unbedingt gemacht. „Wir müssen uns dem aber stellen“, so der Bürgermeister.

 

Mit der Übergabe von Präsenten beendete Henrich den offiziellen Teil, doch blieb der Sozialwissenschaftler noch lange vor Ort und sprach mit vielen Gästen.

 







Ebenfalls mit großem Applaus dankte das Plenum dem Chor „Avaloona“, der unter seinem Leiter Wladyslaw Swiderski anspruchsvollen Satzgesang geboten hatte. Dem Neujahrsempfang vorgeschaltet war wie immer ein ökumenischer Gottesdienst. (spa)



Bilder Verbandsgemeinde Hamm (Sieg)
 
 
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